Vorschau


“Das Laub gesammelt aus fünf Herbsten” (Oskar Pastior)
Kunst und Deportation


27. August – 26. September 2021
Haus der Geschichte Dinkelsbühl


10. Dezember 2021 – 24. April 2022
Siebenbürgisches Museum Gundelsheim


Das einschneidende Erlebnis der Zwangsverschleppung in die Sowjetunion hat seine Spuren neben dem existenziellen Eingriff in viele Familienschicksale sowohl im Bereich der Literatur (Oskar Pastior, später Herta Müller) als auch in der Bildenden Kunst hinterlassen. Unter den Deportierten waren junge Künstler wie Friedrich von Bömches und Karl Brandsch, die zwischen 1945 und 1949 das Schicksal mit knapp 70.000 anderen jungen Menschen „deutscher Volkszugehörigkeit“ aus Rumänien teilten. In Grenzsituationen menschlicher Existenz kämpften sie in den Arbeitslagern im Donbass, im Ural und in Sibirien um ihr Leben, wobei nicht wenige dieses auch verloren.

Zusätzlich zu Hunger und Erschöpfung, zu den katastrophalen Hygienebedingungen sowie dem Verlust der Selbstbestimmung als Gefangene, erduldeten kreative Persönlichkeiten die Grausamkeiten der „künstlerischen Entmündigung“ (Friedrich von Bömches). Sie litten unter der Sinnlosigkeit nervtötender Anfertigungen von Stalin-Serienporträts und „Marschallköpfen nach der Fotografie“, zu denen sie gezwungen wurden: „Ich hatte viele feine Wasserfarben mitgebracht. […] Leider musste ich sie auf Holz und auf Wände verschwenden. […] Im April wurden an allen Baracken Aufschriften ausgeführt, in russischer, ungarischer, deutscher Sprache […] mit Sprüchen, Stern und Fahnen“ (Karl Brandsch).

Paradoxerweise sicherten diese offiziellen wie privaten Auftragsarbeiten, gemalt „für ein Stück Brot oder einen Rubel“, in vielen Fällen das Überleben der Künstler. Zugleich waren die „Bilder auf Bestellung“ mit ein Grund, dass die meisten nach ihrer Heimkehr die Leiderfahrungen aus dem Lager erst nach „stummen Jahrzehnten und über Umwege“(Bömches) in Kunst oder aber in Literatur umzusetzen vermochten.

Große Kunstwerke sind in den Lagern nicht entstanden, oder aber sie sind verloren gegangen. Allein Karl Brandsch brachte aus dem Donbass zart gestaltete Landschaftsstudien mit, die dem künstlerischen Anspruch entsprachen.

Eva-Maria Scheiner machte erst in den 1960er Jahren ihr persönliches Drama – den Verlust des geliebten Mannes – zum Thema von archaisch anmutenden Linolschnitten. In den 1970er Jahren artikulierte sie sich dann malerisch über die Beschwörungsformel des Traumes („Sibirischer Blumen-Traumteppich“). Sie schöpfte aus dem unbewussten Seelensubstrat, welches das eigene Erleben im allgemein Existenziellen aufzufangen wusste.

Erst in seinem Spätwerk schaffte Friedrich von Bömches die Bewältigung „eines Existenzschocks, für den die Worte nie reichen werden und auch die Bilder ihn noch gerade streifen können“ (Wiehl, 2004). Die Fülle der Lebenserfahrungen aus Kommunismus und anschließend erlebter westeuropäischer Leistungsgesellschaft haben den Maler im Alter zu einer Grundhaltung geführt, die die großen Themen des Menschseins, der conditio humana, als Maßstab für das Sinnhafte aller künstlerischen Darbietung gelten lässt. Eingekleidet in die Welt des Mythos, sind seine Deportationsbilder, nun aller Narration entkleidet, bildgewaltige Gleichnisse vom Leben und Sterben, von Innigkeit und Zärtlichkeit, von Grausamkeit und unendlichem Leid. Ein zweiter Ausstellungsstrang stellt die ideologische Pervertierung und Umdeutung der Sowjet-Deportation durch die Rumänische Arbeiterpartei und den rumänischen Staat in den Vordergrund. Die Heimkehrer mussten in der offiziellen Kunst und Literatur als heldenhafte Aufbauarbeiter für eine neue Gesellschaftsordnung und den Sieg des Kommunismus dargestellt werden.

Die konkreten Wege und Möglichkeiten für die Künstler, sich im öffentlichen Kultur- und Kunstleben in der Nachkriegszeit überhaupt einzubringen, führten zwingend über die öffentlichkeitswirksam deklarierte Akzeptanz der neuen Ideologie. Diese Haltung hatte der Zweite Kongress des Verbandes der Künstler, Schriftsteller und Journalisten im Oktober 1947 in Bukarest programmatisch vorgeschrieben.

Die totale Kontrolle der Kunst und überhaupt des gesamten kulturellen Lebens durch die Politik bestimmte ab 1945 die öffentliche Kunstszene und prägte bis in die frühen 1950er Jahre auch das Werk siebenbürgisch-sächsischer Maler. Die „Heimkehr“ der Helden aus der Sowjetunion wurde somit zu einem oktroyierten Thema für rumäniendeutsche Kunstschaffende. Bezeichnenderweise waren es Maler und Bildhauer (Harald Meschendörfer, Trude Schullerus), die die Deportation nicht selbst erlebt hatten, die sich nun des Themas im vorgegebenen Stil des Sozialistischen Realismus annahmen.

Ab den 1970er Jahren setzten sich auch jüngere Künstler, wie der 1935 geborene Peter Jacobi, gestalterisch mit den Traumata der Deportierten-Generation auseinander. Die sowjetische Realität, in Erinnerungserlebnissen aus den Kohlebergwerken des Donbass festgehalten und tradiert, verdichtete sich im Kunstwerk symbolisch, etwa im Fufoaica-Objekt Jacobis.

Irmgard Sedler

Die Ausstellung wird gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages, den Verein zur Förderung des Siebenbürgischen Museums Gundelsheim e.V. sowie das Kulturwerk der Siebenbürger Sachsen e.V. aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales.