Liebe Besucherinnen und Besucher,

so sehr wir es uns anders wünschen mögen: Veranstaltungen mit Publikum sind aufgrund der Corona-Pandemie auch in den nächsten Wochen leider nicht möglich. Über neue Termine informiere ich rechtzeitig an dieser Stelle.

Bis dahin finden Sie hier meine ausgewählten Leseempfehlungen, aktuelle Hinweise auf sehenswerte Ausstellungen in den wiedereröffneten Museen und Galerien sowie Werkstattgespräche mit Kulturschaffenden. Der Blick gilt – wie sollte es anders sein – Bessarabien, der Bukowina, der Dobrudscha, der Maramuresch, der Moldau, Siebenbürgen und der Walachei.

Ihre
Heinke Fabritius

Margarete Depners „Sinkende“ im Kunstmuseum Stuttgart, Pomona Zipser in der Zitadelle Spandau: Zwei Ausstellungsempfehlungen für den Sommer

Als die Museen ab Mitte März schließen mussten, blieb ihnen kaum eine Alternative, als ihr Fortbestehen virtuell auf den Homepages zu bezeugen. Doch nun begehen viele Häuser ihre Wiedereröffnung mit einer Verlängerung ihrer Sonderausstellungen. Zum Glück, denn so sehr die digitalen Angebote ein legitimes, gar notwendiges Mittel wider das Vergessen sein mögen, die unmittelbare Begegnung mit dem Original ersetzen sie nicht.

Keine Abbildung – analog oder digital – vermag die tatsächliche Farbkraft oder Materialität eines Werkes zu vermitteln, auch die Erfahrung tatsächlicher Größenverhältnisse bleibt uns vorenthalten. Besonders schmerzlich ist dieser Verlust, wenn es um Skulptur geht, für die der Raum konstitutiv ist.

Margarete Depner (1885–1970) und Pomona Zipser (*1958) sind nicht nur als Zeichnerinnen und Malerinnen, sondern auch als Bildhauerinnen bekannt. Ihren Skulpturen mit frischem Blick und – nach den Wochen der Quarantäne – mit einem neuen Hunger nach Kunst zu begegnen, ermöglichen gegenwärtig zwei Ausstellungen in Berlin und Stuttgart.

Unter dem Titel Der Traum vom Museum „schwäbischer“ Kunst stellt das Kunstmuseum Stuttgart die Geschichte seiner erst in der NS-Zeit systematisch aufgebauten Sammlung vor. Aktuelle Ergebnisse jüngster Provenienzforschung sowie bisher ermittelte Restitutionsfälle werden vorgestellt. Die Schau versammelt viele noch nie gezeigte Werke aus dem Depot, auch Leihgaben wurden eigens für die Ausstellung ins Haus zurückholt. Viele Exponate zeigen, dass die Sammlungspolitik des Museums auch zu NS-Zeiten nicht geradlinig war.

Zu den zurückgeholten Leihgaben gehört auch Margarete Depners „Sinkende“, die während der letzten 36 Jahre nach Schloss Horneck entliehen war. Nahezu lebensgroß, 1933 zuerst in Kronstadt/Brașov (RO) gezeigt, kam die Marmorfigur 1942 als Teil der Deutsche Künstler aus Rumänien -Ausstellung zunächst nach Berlin, wurde aber in der Folge auf Wunsch des damaligen Bürgermeisters Dr. Karl Strölin für die städtische Sammlung in Stuttgart erworben. Zur Geschichte dieser Arbeit gehört auch, dass Margarete Depner angesichts der Kriegswirren nie ein finanzieller Ausgleich dafür erreichte. Dieser wurde, wie der Stuttgarter Katalog berichtet, erst 2019(!) an die Erben entrichtet. Jenseits dieser sammlungsgeschichtlichen Fakten ist aber vor allem wichtig, dass es mit der Rückkehr der Figur nach Stuttgart im Rahmen dieser prominenten Sammlung möglich wird, Depners Œuvre endlich im Kontext ihrer europäischen Zeitgenossen zu sehen. Unklar bleibt nur, warum trotz der historisch verbürgten Präsentation der Skulptur auf einem kniehohen schwarzen Sockel, in der Ausstellung darauf verzichtet wird.

Als Künstlerin von internationalem Rang etabliert hat sich seit langem Pomona Zipser. In der Ausstellung „Not only in space, but also in time“, die bis Anfang August im Zentrum für aktuelle Kunst (ZAK) in der Alten Kaserne der Zitadelle Spandau, Berlin, zu sehen ist, zeigt Zipser ihre ebenso fragilen wie raumgreifenden Arbeiten, von denen man im doppelten Sinne sagen darf, dass sie groß gedacht sind. Motive der Arte Povera finden darin ebenso Platz wie kalligrafischer Feinsinn und Schwerelosigkeit. Die von Ralf F. Hartmann kuratierte Schau fragt in drei künstlerischen Positionen nach dem Verhältnis der Bildhauerei zu Raum und Zeitlichkeit. Auf diese Weise drängt sie zu einer Zusammenschau von Skulptur, Installation und Raumzeichnung. Ein ausführliches Interview mit Pomona Zipser folgt in Kürze. Einstweilen sei ein Besuch am Stuttgarter Schlossplatz wie auch in der Zitadelle Spandau dringlich empfohlen, um die Kunst endlich wieder ins Leben zu holen. (HF)

Ausstellungsinformation: Pomona Zipser/Claudia Busching/Andrew Stonyer, „Not only in space, but also in time“ in ZAK / Alte Kaserne in der Zitadelle Spandau, Am Juliusturm 64, 13599 Berlin, verlängert bis 2. August 2020, www.zitadelle-spandau.de: Margarete Depners „Sinkende“ in: „Der Traum vom Museum ‚schwäbischer‘ Kunst“, Kunstmuseum Stuttgart, Kleiner Schlossplatz 1, 70173 Stuttgart, verlängert bis 2. Nov. 2020, www.kunstmuseum-stuttgart.de

  • Margarete Depner, Die Sinkende, 1933, Stein/Marmor, Kunstmuseum Stuttgart, Foto: Frank Kleinbach

    Margarete Depner, Die Sinkende, 1933, Stein/Marmor, Kunstmuseum Stuttgart, Foto: Frank Kleinbach

  • Pomona Zipser, o.T., 2019, Holz, Ausstellung im ZAK, Spandau-Berlin; Foto: Heinke Fabritius

    Pomona Zipser, o.T., 2019, Holz, Ausstellung im ZAK, Spandau-Berlin; Foto: Heinke Fabritius