Die Kulturreferentin

Dr. Heinke Fabritius ist seit November 2017 als Kulturreferentin für Siebenbürgen tätig.

In Siebenbürgen geboren, ebenda sowie in Bukarest aufgewachsen, ist sie mit Sprachen, Kulturen und Geschichte des heutigen Rumäniens bestens vertraut. Das Studium der Kunstwissenschaft an der TU Berlin hat sie mit einer Promotion zur Zeichnung der Goethezeit abgeschlossen. Ihren Blick für den Reichtum und die Vielfalt der europäischen Kultur hat sie geschärft an der bildenden Kunst. Das Lernen in den Museen war dabei ebenso prägend wie ihre langjährige wissenschaftliche Tätigkeit in Forschung und Lehre (GWZO Leipzig und NYU Berlin). Geschichte und Kultur der Regionen Ostmitteleuropas bilden seit je einen wesentlichen Schwerpunkt ihrer Arbeit.

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Dr. Heinke Fabritius
Siebenbürgisches Museum
Schloßstraße 28
D- 74831 Gundelsheim am Neckar
Tel: +49 (0) 6269 – 42 23 12
Fax: +49 (0) 6269 – 42 23 23

kulturreferat[at]siebenbuergisches-museum.de

Gespäch im April (West-Ost-Journal, April-Juni 2020, S. 26/27, das Interview führte Margarete Pollok)

“… SPRACHLICHE UND KULTURELLE VIELFALT ALS CHANCE DEUTLICH MACHEN.”

Interview mit Dr. Heinke Fabritius, Kulturreferentin für Siebenbürgen

Sie sind seit November 2017 als Kulturreferentin für Siebenbürgen tätig. Welche inhaltlichen Schwerpunkte haben Sie für Ihre bisherige Tätigkeit gewählt?
Das Kulturreferat für Siebenbürgen wurde ebenso wie dasjenige für die Russlanddeutschen im November 2017 eingerichtet. Damit fand eine wichtige Erweiterung der insgesamt neun von der Staatsministerin für Kultur und Medien getragenen Kulturreferate statt. Grundlage hierfür ist der § 96 des Bundesvertriebenenund Flüchtlingsgesetzes.
Das Kulturreferat für Siebenbürgen umfasst auch die Bukowina, Bessarabien, die Dobrudscha, das Marmaroschgebiet, die Moldau und die Walachei, insgesamt also sieben Regionen. Es ist kaum möglich, sie alle im Titel aufzuzählen. Umso mehr verweise ich aber in jedem Gespräch darauf wie auch mit dem selbstgestalteten Logo: Es zeigt ein feines, aufstrebendes Blatt, das von sieben, in Form und Struktur unterschiedlichen Punkten flankiert und gestärkt wird. Die jeweils eigene historische und kulturelle Gestalt der Regionen klingt in diesem Bild ebenso an wie auch der Versuch einer gemeinsamen Vergegenwärtigung.
Es ist mein Bestreben, die vergessenen Lebenswelten wie auch die aktuellen Gestaltungskräfte dieser Regionen aufzuzeigen und exemplarisch in Deutschland darüber zu informieren. Zugleich geht es aber auch darum, den Menschen, die heute in diesen Regionen leben, neue Anknüpfungspunkte zu schaffen und sie zu unterstützen, das ihnen überlassene kulturelle Erbe anzunehmen und als Teil der Geschichte des Landes und seiner Minderheiten zu begreifen.
Hinzu kommt ein strukturell interessantes Phänomen: Der Vergleich einer ethnografischen Karte Europas aus dem 19. Jahrhundert mit einer aktuellen aus unserer Gegenwart zeigt eindrücklich auf, wie die gesellschaftliche Multiethnizität sich von Ost nach West verschoben hat. Es hilft, sich dies stets vor Augen zu halten, um Einseitigkeiten in der Wahrnehmung in beide Richtungen zu unterlaufen. Wie wertvoll dieser historische Erfahrungsschatz sein kann, zeigt sich etwa daran, dass Menschen aus diesen Regionen nach wie vor große Bewunderung – vielleicht auch ein wenig Neid – dafür erfahren, dass sie neben ihrer Muttersprache noch ein, zwei, manchmal drei andere Sprachen fliessend und wie selbstverständlich sprechen können. In diesem Jahr begehen wir z. B. ein Celan-Jubiläum – und es mag genügen, exemplarisch an diesen Dichter zu erinnern, der aus der historischen Grenzregion der Bukowina kam und dessen Werk wie kaum ein anderes aus der Vielfalt europäischer Kulturen und Sprachen lebt und zwischen ihnen vermittelt.
Die Perspektive, aus der ich als Kulturreferentin ansetze, ist es, diese sprachliche und kulturelle Vielfalt als Chance deutlich zu machen. Dazu gehört auch, die deutsche Sprache und Kultur als ein tragendes Element der historischen europäischen Verflechtungsgeschichten zu begreifen und diese (wieder) in die ehemals ganz selbstverständliche Vielsprachigkeit der Bewohner dieser Regionen einzubinden.

Welche Projekte haben Sie als Kulturreferentin für dieses Jahr geplant?
Von den Projekten dieses Jahres möchte ich gerne eines exemplarisch hervorheben: Zu den Jahrestagen 2020 gehört das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren. In diesen Zusammenhang gehört für die Rumäniendeutschen auch die Erinnerung an die im Januar 1945 erfolgende Deportation von etwa 70.000 Menschen zur Zwangsarbeit nach Russland. Von den Zeitzeugen, die zum großen Teil erst nach 1989 zu Wort kommen konnten und deren unmittelbare Erinnerungsarbeit wichtig für die Informations- und Erinnerungsveranstaltungen der letzten drei Dekaden war, leben nur noch wenige. So ist es an der Zeit, andere Konzepte und Formen der Vermittlung dieses Themas zu entwerfen. Dazu bedarf es auch neuen Materials, und zwar eines solchen, das authentisch und unmittelbar Interesse zu wecken und Erfahrungsräume zu eröffnen vermag, vor allem für die jüngere Generation. Die Ausstellung »ORDER 7161« des luxemburgischen Fotografen Marc Schroeder, der zwischen 2013 und 2015 durch Rumänien gereist ist und dabei sehr persönliche Zeitzeugenportraits aufgenommen hat, bietet eine solche Chance, um die Erinnerungsarbeit neu auszurichten. Gerade habe ich in Kooperation mit dem Rumänischen Kulturinstitut in dessen frisch renovierten Galerieräumen in Berlin eine Ausstellung der Werke Marc Schroeders kuratiert. Diese Ausstellung, umrahmt von vielen Begleitveranstaltungen wie Lesungen, Zeitzeugengesprächen etc., war ein großer Publikumserfolg. Auf große Resonanz stießen neben der Vernissage auch die öffentlichen Führungen und weitere von Claudiu Florian, dem Leiter des Hauses, initiierte und moderierte Diskussionsabende.
Im kommenden Herbst werden wir mit »ORDER 7161« im Bukowina-Institut an der Universität Augsburg zu Gast sein. Marc Schroeder und ich werden im Rahmen der Ausstellung – »7161« steht übrigens für die Nummer von Stalins Befehl zur Deportation – einen Workshop zum Thema anbieten.

Welche Zielgruppen möchten Sie mit Ihren Projekten und Veranstaltungen ansprechen?
Besonders gezielt arbeite ich an Angeboten für junge Erwachsene, zum Beispiel für die Jugendorganisationen der meinem Referat zugeordneten Verbände. 2019 habe ich am Zukunftsworkshop der Siebenbürgischen Jugend in Bad Kissingen teilgenommen und in diesem Jahr bereite ich mit den Jugendleitern ein Autorengespräch auf dem Heimattag in Dinkelsbühl vor. Ein Gespür zu bekommen, welche Themen für die bereits in Deutschland geborene Generation relevant sind, ist mir wichtig. Doch ebenso möchte ich Jugendliche aus Deutschland und Rumänien, ganz unabhängig von familiären Hintergründen, zusammenbringen und gemeinsame Theaterprojekte oder Ausstellungen initiieren. Im vergangenen Jahr gelang das im Rahmen einer EU-Förderung (Erasmus Plus), was auch in Zukunft unbedingt fortgesetzt werden soll.

NRW ist Siebenbürgen in besonderer Weise verbunden. Das Land hat bereits 1957 die Patenschaft für die Siebenbürger Sachsen übernommen. Planen Sie auch Projekte in NRW?
Ja, als Kunsthistorikerin bin ich beispielsweise ganz besonders dankbar für die Artothek des Gerhart-Hauptmann-Hauses. Ich denke, hier – aber auch in anderen Häusern, wie etwa in der Ostdeutschen Galerie in Regensburg – gibt es vergessene Schätze zu heben, über die zu berichten und zu diskutieren lohnt. Angedacht ist auch eine siebenbürgische Filmreihe, die andernorts gut gelaufen ist und sicher nach NRW passen würde. Der für den März vorgesehene Vortrag über Grete Csaki-Copony und Käthe Kollwitz im Gerhart-Hauptmann-Haus musste leider abgesagt werden. Ich hoffe, diesen Termin im Verlauf des Jahres nachholen zu können.

Was verbindet Sie persönlich mit der Kulturregion Siebenbürgen?
Ich bin in Siebenbürgen geboren und erinnere mich an wunderschöne Kindheitstage in Nordsiebenbürgen und dem Marmaroschgebiet bei meinen ungarischen Großeltern, ebenso aber auch in Mühlbach und in Bukarest, wo ich zur Schule gegangen bin.

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